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hrTSS: Trainingsbelastung ohne Powermeter berechnen

Wie sich Trainingsbelastung, Fitness und Form allein aus der Herzfrequenz ableiten lassen — mit den konkreten Formeln, den Zonengrenzen und einer ehrlichen Liste dessen, was die Methode nicht kann.

Von Christian Hänelt · Stand: · 7 Min. Lesezeit

hrTSSTSSSchwellen-HerzfrequenzCTL/ATL/TSBNachwuchs-Radsport

Trainingsbelastung messbar zu machen ist im Radsport Standard — allerdings meist über Watt. Der Training Stress Score (TSS) nach Coggan setzt einen Leistungsmesser voraus. Im Nachwuchsbereich ist der aber die Ausnahme: Ein Powermeter kostet je nach Bauart mehrere hundert Euro, und das ist eine Hürde, die viele Familien schlicht nicht nehmen.

Die Alternative heißt hrTSS — derselbe Grundgedanke, aber aus der Herzfrequenz abgeleitet. Dieser Beitrag erklärt, wie das rechnerisch funktioniert, was man dafür braucht und wo die Methode ehrlicherweise an ihre Grenzen stößt.

Was TSS überhaupt ausdrückt

TSS beantwortet eine einzige Frage: Wie sehr hat mich diese Einheit gekostet? Dabei fließen zwei Größen zusammen — Dauer und Intensität. Eine ruhige Dreistundenausfahrt und ein knackiges Intervalltraining von einer Stunde können auf denselben Wert kommen. Als Orientierung gilt: eine Stunde exakt an der Schwelle entspricht 100 Punkten.

TSS = (Dauer_s × NP × IF) / (FTP × 3600) × 100 Coggan-TSS. NP = Normalized Power, IF = NP/FTP, FTP = Functional Threshold Power.

Wie hrTSS daraus wird

Ohne Wattwerte tritt die Herzfrequenz an die Stelle der Leistung und die Schwellen-Herzfrequenz (LTHR) an die Stelle der FTP. Das Verhältnis von Durchschnittspuls zu Schwellenpuls wird quadratisch gewichtet — damit wächst der Wert bei höherer Intensität überproportional, so wie beim Watt-TSS auch.

hrTSS = (Dauer_s / 3600) × (avgHF / LTHR)² × 100 Vereinfachte, quadratisch um die Schwellen-HF gewichtete Variante. Eine Stunde genau an der Schwelle ergibt 100 — dieselbe Skala wie beim Watt-TSS.

Ein Rechenbeispiel: 90 Minuten bei einem Durchschnittspuls von 138 und einer LTHR von 165 ergeben 1,5 × (138/165)² × 100 ≈ 105. Eine solide Grundlageneinheit also, vergleichbar mit gut einer Stunde an der Schwelle.

Wichtig zur Einordnung

Für hrTSS gibt es keinen einheitlichen Industriestandard. Verschiedene Plattformen rechnen unterschiedlich — manche über Zeit-in-Zone, andere über TRIMP/Banister mit exponentieller Gewichtung, wieder andere quadratisch wie oben. Werte aus verschiedenen Apps sind deshalb nicht direkt vergleichbar. Entscheidend ist, dass man innerhalb eines Systems bleibt — der Trend zählt, nicht die absolute Zahl.

Die Schwellen-Herzfrequenz bestimmen

Alles hängt an der LTHR. Es gibt zwei praktikable Wege:

  1. Feldtest (genauer): Nach gutem Aufwärmen 30 Minuten allein im maximal gleichmäßig durchhaltbaren Tempo fahren. Der Durchschnittspuls der letzten 20 Minuten ist eine brauchbare LTHR-Näherung.
  2. Schätzung aus der maximalen Herzfrequenz: Die verbreitete Friel-Heuristik setzt die LTHR bei etwa 90 % der HFmax an. Ungenauer, aber ohne Testaufwand — und als Startwert brauchbar, bis ein Feldtest vorliegt.
Für Nachwuchsfahrer:innen

Formeln wie „220 minus Lebensalter" sind für die HFmax-Bestimmung untauglich — die Streuung ist erheblich, und bei Jugendlichen liegt die tatsächliche HFmax oft deutlich höher. Verwende einen real gemessenen Maximalwert aus dem Training. Ausbelastungstests gehören im Nachwuchsbereich ohnehin in fachliche Begleitung.

Herzfrequenz-Zonen (Friel, LTHR-basiert)

Aus der LTHR leiten sich fünf Zonen ab. Die Grenzen sind Prozentwerte der Schwellen-Herzfrequenz, nicht der HFmax — das ist ein häufiger Verwechslungsfehler.

ZoneName% der LTHRBeispiel bei LTHR 165Zweck
Z1Erholung / GA1< 85 %bis 139Regeneration, lockeres Ausfahren
Z2Grundlage85–90 %140–148Grundlagenausdauer, Fettstoffwechsel
Z3Tempo90–95 %149–156Dauerleistung, Tempohärte
Z4Schwelle95–100 %157–165Schwellenleistung anheben
Z5VO₂max und darüber100–115 %166–190maximale Sauerstoffaufnahme

Von der Einzeleinheit zur Formkurve

Ein einzelner TSS-Wert sagt wenig. Interessant wird es, wenn man die täglichen Werte über die Zeit exponentiell glättet. Daraus entstehen drei Kennzahlen, die im Englischen als Performance Management Chart zusammengefasst werden:

KennzahlSteht fürZeitfensterLesart
CTLFitness (chronische Last)42 TageWie belastbar bin ich gerade? Steigt langsam, fällt langsam.
ATLErmüdung (akute Last)7 TageWie müde bin ich? Reagiert schnell.
TSBForm (Frische)CTL − ATLNegativ = belastet, leicht positiv = renntauglich frisch.

Das Prinzip: Fitness baut man auf, indem man ermüdet. Wer dauerhaft stark negativen TSB fährt, baut irgendwann nicht mehr auf, sondern ab. Vor einem Zielrennen senkt man die Belastung gezielt, bis der TSB in den leicht positiven Bereich kommt — das ist der Kern des Taperings.

Wann Überlastung droht

Aus denselben Werten lässt sich regelbasiert ableiten, ob jemand in eine Überlastung läuft: aus der Form (TSB), aus der Aufbaurate pro Woche (CTL-Ramp) und aus dem Verhältnis von akuter zu chronischer Last (ACWR). Ein einzelner überschrittener Marker ist ein Hinweis, zwei oder mehr sind ein deutliches Signal. Unterhalb von etwa CTL 5 lohnt die Auswertung nicht — dann fehlt schlicht die Datenbasis. Und in jedem Fall gilt: Das ist eine Trainingskennzahl, keine medizinische Diagnose.

Im Nachwuchs sollten die Schwellen strenger greifen als bei Erwachsenen. Die konkreten Werte je Altersklasse, das Taper-Fenster vor einem Rennen und die Frage, warum Wettkampfnähe die Warnung verstärken darf aber niemals allein auslösen, stehen im eigenen Beitrag: Überlastung im Nachwuchs erkennen — warum die Schwelle in der U15 anders liegt.

Was hrTSS nicht kann

Die ehrliche Kehrseite. Herzfrequenz ist ein träger und störanfälliger Messwert:

Für Grundlagen- und Tempoeinheiten — also den Großteil des Nachwuchstrainings — funktioniert hrTSS trotzdem gut. Je kürzer und härter die Intervalle, desto größer wird die Lücke zum Watt-TSS.

Fazit

hrTSS ist kein Notbehelf, sondern eine tragfähige Methode, solange man ihre Grenzen kennt. Für strukturiertes Nachwuchstraining reicht sie aus: Belastung dosieren, Form über die Saison verfolgen, Überlastung früh erkennen. Ein Powermeter liefert genauere Werte, besonders bei kurzen Intervallen — aber er ist keine Voraussetzung dafür, überhaupt strukturiert zu trainieren.

VeloNext rechnet standardmäßig herzfrequenzbasiert und behandelt FTP und Wattwerte als optionale Zusatzinformation, nie als Pflichtfeld. Mehr dazu auf der Startseite und in den häufigen Fragen.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen TSS und hrTSS?

TSS wird aus der Leistung in Watt berechnet und braucht einen Powermeter sowie einen FTP-Wert. hrTSS nutzt stattdessen die Herzfrequenz im Verhältnis zur Schwellen-Herzfrequenz. Beide verwenden dieselbe Skala: Eine Stunde an der Schwelle entspricht 100 Punkten. hrTSS ist ungenauer bei kurzen, harten Intervallen, für Grundlagen- und Tempoeinheiten aber gut brauchbar.

Wie bestimme ich meine Schwellen-Herzfrequenz?

Am genauesten über einen Feldtest: nach dem Aufwärmen 30 Minuten allein im maximal gleichmäßig durchhaltbaren Tempo fahren; der Durchschnittspuls der letzten 20 Minuten ist eine gute Näherung. Alternativ lässt sie sich mit der Friel-Heuristik auf etwa 90 Prozent der maximalen Herzfrequenz schätzen — ungenauer, aber als Startwert brauchbar.

Kann man ohne Powermeter strukturiert Radsport trainieren?

Ja. Belastungssteuerung über Herzfrequenz-Zonen und hrTSS deckt Grundlagen-, Tempo- und Schwellentraining zuverlässig ab, und auch Form-Management über CTL, ATL und TSB funktioniert damit. Genauer wird es mit Powermeter vor allem bei kurzen, hochintensiven Intervallen, weil die Herzfrequenz dort zu träge reagiert.

Sind hrTSS-Werte verschiedener Apps vergleichbar?

Nein. Es gibt keinen einheitlichen Standard für hrTSS — manche Plattformen rechnen über Zeit-in-Zone, andere über TRIMP/Banister, wieder andere quadratisch um die Schwellen-Herzfrequenz. Die absoluten Zahlen unterscheiden sich deshalb. Aussagekräftig ist der Verlauf innerhalb eines Systems.

Ab welchem Wert spricht man von Überlastung?

Verbreitete Marker sind ein stark negativer TSB, ein zu steiler CTL-Aufbau pro Woche und ein hohes Verhältnis von akuter zu chronischer Last (ACWR). Im Nachwuchs sollten die Schwellen strenger liegen als bei Erwachsenen, etwa TSB ≤ −25 und ACWR ≥ 1,45 in der U17. Ein einzelner überschrittener Marker ist ein Hinweis, mehrere zugleich ein deutliches Signal. Eine medizinische Diagnose ist das nicht.